Sonntag 18.10.1998:

14.00 Uhr:

11. Spieltag der Fußball-Regionalliga mit dem Spiel Spandauer SV - FC Carl Zeiss Jena. Die Spandauer, dank einer großen Historie mit mehreren deutschen Meistertiteln, Pokalsiegen und diversen Europapokalteilnahmen mit eher mäßigen Erfolgen, gehen leicht favorisiert in dieses Match gegen einen (wahrscheinlich baldigen) Provinzklub aus Jena...

Traum oder Wirklichkeit ??????

15.45 Uhr:

Wie im Vorbericht angedeutet, werden die Spandauer ihrer Favoritenrolle tatsächlich gerecht. Sie siegen in diesem Duell zweier ambitionierter Teams (das eine will aufsteigen und das andere nicht absteigen - aber leider lassen sich diese Zielstellungen nicht mehr genau zuordnen). Aller Wahrscheinlichkeit nach, werden sich die Spandauer in einem Rausch in den nächsten Punktspielen ganz nach oben spielen. Neidvoll blicke ich auf die Fanīs dieses Teams (312 - wieviele Jenaer waren heute darunter?)...

Galgenhumor beiseite !

Was war das heute?? Das große Einläuten einer der bittersten Abschiedstourneeīs im ostdeutschen Fußball?? Eigentlich dachte ich, daß ich dies mit der letzten Saison bereits hinter mir hatte. Aber die Gegenwart kann so grausam sein. Wie weit kann man eigentlich noch sinken?? Jetzt soll bloß keiner auf den Gedanken kommen und auf ein vielleicht nicht eingespieltes Team oder auf "viel zu junge" Spieler in Reihen des FCC verweisen. Nach 11 Spieltagen voller Peinlichkeiten und ständiger Mißerfolge ist dies mehr als unangebracht. Ebenso bin ich Meinungen gegenüber skeptisch, die auf eine Saison der Konsolidierung mit dem großen Ausholen zum Schlag in der nächsten Saison setzen. Oder ist dies vielleicht nur Zweckoptimismus?? Der Abstieg von einem Wirtschaftsunternehmen der 2. Bundesliga bis hin zu einer "Freizeit"-Abteilung in der Thüringenliga ist schnell vollbracht. Der Weg aber von dort unten heraus wird ein schier hoffnungsloses Unterfangen!! Auch der letzte muß nun begreifen, daß der Zug in diese Richtung an Fahrt gewinnt und die ersten Bremssysteme ausfallen.
Ich bin gespannt, was in dieser Woche in Jena passiert. Wird sich ein neuer Trainer in die Analen des Clubīs eintragen (oder ein bereits bekanntes Gesicht)?? Oder werden weiter oben Konsequenzen gezogen? Durchhalteparolen sind jedenfalls nicht mehr angebracht. Handeln tut Not. Aber wird richtig gehandelt? Thomas Gerstner tut mir jedenfalls seit genau 1 Stunde richtig leid. Denn welcher gute Spieler wechselt noch nach Jena und hilft bei der Rückkehr in den bezahlten Fußball (auch die 3. Liga zählt demnächst dazu), wenn der werbende Club vielleicht gerade einem Absturz in die Viertklassigkeit entgangen ist bzw. in Tabellenregionen herumdümpelt, wo selbst eine ruhmreiche Vergangenheit und Tradition nichts mehr zählt.
Zur aktuellen Manschaft nur soviel: es nützen die besten Saatkörner nichts, wenn man keinen fruchtbaren Boden und kein Wasser hat. Die Gefahr, daß die besten in fruchtbarere Gegenden abwandern wächst von Tag zu Tag!! Man kann der Mannschaft wahrscheinlich keinen Vorwurf machen. Auch Borussia Dortmund ist nicht mit 11 Youngsters Championsleague-Sieger geworden.
Wenn ich das Restprogramm der Hinrunde mit den Spielen gegen Chemnitz, Dresden, Magdeburg, Leipzig etc. anschaue, dann wird mir jetzt schon ganz anders...

Für Beiträge zu meinem wenig erbaulichem Text bin ich im voraus dankbar!

Unter dem Motto "Ich stehe nicht auf RWE II" verabschiede ich mich in den letzten Teil des gründlich verhagelten Wochenendes und verbleibe;

Mario aus Plauen

Wenn ihr Eure Meinung schreiben wollt, mailt diese bitte an zfc@rz.uni-jena.de

Als Erster antwortete diesmal Thomas Knabe aus Westerburg:

Als alter Jena-Fan muß ich mit Freude feststellen das sich ein gewisser Jens Weißgerber endlich selber aus den Tor wegmanövriert hat .Man kann nur hoffen das Keller seine Chance nutzt und die Blamage endlich ein Ende hat.
Ich hoffe trotzdem wie ihr alle wieder auf gute FCC-Zeiten.

Thomas Knabe

Etwas ausführlicher äußerte sich Matthias "Matze" Koch aus Berlin-Köpenick. Er schrieb unter dem Titel "Spandau-Desaster":

Quo vadis FCC?
Als Berliner FCC-Fan war ich natürlich auch in Spandau. Auf dem Sportplatz dort weht schon jener Provinzmief, den der Jenaer Fußball derzeit so kräftig wie noch nie zuvor einatmet. Wir schlittern derzeit in die größte Vereinskrise des FC Carl Zeiss. Und ein Ende ist noch nicht abzusehen...
Es ist schon soweit, daß wir mit einem Punkt in Spandau hätten leben müssen. Wenn nicht der schwächste Regionalliga-Torwart Deutschlands seinen peinlichen Auftritten in einem Jahrzehnt für die erste und zweite Mannschaft Jenas die Krone aufgesetzt hätte. Ich hoffe eigentlich seit Tagen auf die Suspendierung Weißgärbers. Bisher leider umsonst. Vielleicht wird er wenigstens bis Weihnachten gesperrt. Er hat nicht nur sich, die Mannschaft und die mitgereisten Fans, sondern besonders seinen Trainer lächerlich gemacht. Thomas Gerstner hielt nach dem Erfurt-Spiel zu seinem Keeper, obwohl er vom Trainer und den eigenen Fans berechtigt öffentlich runtergemacht wurde. In der kleinen Presserunde nach dem Spandauer Spiel sagte Gerstner, er wollte Weißgärber nach dem Thüringen-Derby aus dem Tor nehmen. Doch dann hätte es geheißen, der Präsident stelle in Jena die Mannschaft auf. Insofern kann ich die erzwungene Nominierung Weißgärbers gegen Aue und Spandau nachvollziehen. Aber das Gerstner diesen absoluten Fliegenfänger zum Kapitän machte oder hat wählen lassen, ist die absolute Höhe. In den letzten Jahren hat nicht ein einziger der Jenaer Trainer auf Weißgärber gesetzt!!! Warum gerade jetzt? Er hat einfach nur Amateurniveau und selbst in der vierten Liga war er nur ein Mitläufer.
Es ist eine alte Fußballweißheit, daß der Torwart der wichtigste Mann ist. Doch gerade in einer Mannschaft, die kaum Regionalliga-Mittelmaß besitzt, muß ein sicherer Mann im Kasten stehen. Jens Weißgärber wird bei den Jenaer Fans keinen Kredit mehr erhalten. Nach dem Spiel wollte er den Jenaer Fans erzählen, daß nicht er, sondern der gefoulte Schiemann der Schuldige gewesen wäre. Zudem hätten die, ihn zugegebenermaßen nicht gerade freundlich angehenden, FCC-Fans keine Ahnung! Ich hoffe, er steht nie wieder im Tor der ersten Mannschaft. Der zweite Mann Keller ist nach den Aussagen mehrerer Spieler noch schlechter. Ohne Kommentar. Jena soll den ausgemusterten Leipziger Keeper Jovanovic verpflichen oder Mario Neumann, der ohnehin in Jena mittrainiert, zurückholen.
Man muß sich wohl mit peinlichen und schwachen Leistungen unserer Mannschaft abfinden. Aber an die Mannschaft, Weißgärber einmal ausgenommen, und Trainer kann es kaum Vorwürfe geben. Thomas Gerstner versucht alles. Doch nun muß er sich, der im letzten halben Jahr überhaupt nicht richtig trainiert hat, selbst einsetzen. Wahrlich ein Armutszeugnis. Das Team kann einfach nicht besser spielen. Ein Großteil ist eben nicht nur jung und unerfahren, sondern überhaupt nicht tauglich in der RL-Tabellenspitze mitzuspielen. Übrig bleibt nur ein Verein, dem die Tradition nichts mehr nützt. Wir haben uns totgespart. Für wenig Geld, sprich Gehalt, bekommt man eben nur Quantität und keine Qualität. Wenn wir in der nächsten Serie, vorausgesetzt wir steigen nicht ab, in die dritte Liga wollen, brauchen wir eine komplett neue Mannschaft.

Schließlich noch eine Bitte an die Jenaer Führungsspitze: Wenn Ihr Neuverpflichtungen im Auge habt, nennt die Namen erst in der Öffentlichkeit, wenn alles in trockenen Tüchern ist. Sonst macht Ihr den Jenaer Fußball noch viel lächerlicher, als er derzeit ohnehin schon ist.

Trotzdem: You will never walk alone. Nur bitte nicht zu Glaswerk, nach Ilmenau, Pößneck...

Matze Koch

Welcher Fußballklub kann schon von sich behaupten, daß ganze Lieder eigens für ihn umgetextet werden ? Unser FCC schon - dank Martin Pirch aus Finowfurt:

Jena Internäschenell

Man sieht im Stadjon an der Saale
die blau-gelb-weißen Fahnen wehn ,
die Vielen die da früher kamen wird man
wohl lang nicht mehr sehn .
Leer ist unsre neu- eue Tribüne
das tolle Fördermittelstück
doch ohne eine tolle Mannschaft
kommt der Fan nicht mehr zurück .

Jenaer hört die Signale
sonst führt nie ein Weg zurück
ins Eurocup Fina-ale
und diesmal mit mehr Glück !

Euch rettet auch kein höh-res Wesen
kein Gerstner , Vogel oder Späth .
Denn kommt jetzt noch ein weitrer Abstieg
bald kein Hahn mehr nach uns kräht .
Unsere Wimpel werden wohl noch hängen
in Rom Valencia und Newport
doch ohne ein Paar schnelle Siege
hängt er auch bald in Tiefenort .

Jenaer hört die Signale
sonst führt nie ein Weg zurück
ins Eurocup Fina-ale
und diesmal mit mehr Glück !

Martin Pirch

Post bekamen wir auch aus England - mit treuen Grüßen von dort schrieb uns Tobias:

Was soll man da noch sagen? christoph dieckmann hat es in seinem Buch: "Vom wahren Leben im falschen" wohl am besten in Worte gefaßt: "Und den Tag, an dem ich aufhöre, Fan des FC Carl Zeiss zu sein, wird einst mein Grabstein bezeichnen" (o.s.ä.).
Leute, haltet zum FCC. Es kann nur mit uns gehen. Wir können echte Motivation sein, sowohl für die Spieler als auch für die "Verantwortlichen." Kuckt Euch Mannschaften wie Pauli an (auch wenn man mit so einem Blick einige Bornierte vor den Kopf stößt). Zu denen gehen die Fans einfach, egal in welcher Qualität Fußball gespielt wird. Da wird Fußball zur Party, so sollte es doch sein. Es geht doch uns allen auch ein bißchen um das Flair, das man im Stadion hat wie nirgendswo anders.
Man könnte sagen, ich habe gut reden. Ich bin ja im Ausland und muß mir das "Gegurge nich angugn." Stimmt vielleicht auch. ABER: haben wir nicht in einigen Spielen auch eine Mannschaft mit Kampfgeist gesehen? Ich sage nur Zwickau (auch wenn das Resultat nicht gestimmt hat), Ulmer Spatzen und Duisburger Zebras (vielleicht sollten wir öfters gegen "Tiermannschaften" spielen, es gibt nur leider im Osten so wenige). Da war doch was zu sehen, was ich in keinem Spiel der vergangenen Saison gesehen habe!!!
Was Weißgärber betrifft: ich pflichte den obigen Kommentaren absolut bei. Ich habe zwar das Spiel beim SSV nicht sehen können, aber so eine Gurke (sportlich, und scheinbar auch menschlich) als Kapitän - das ist einfach nur Panne!
Dazu auch meine Frage: wat is nu mit Supermario Neumann? Hat er so illusorische Gehaltsansprüche? Wo liegt das Problem?

Tobias Franke-Polz

Einige Tage vor dem Spiel bei Sachsen Leipzig bekamen wir folgenden Brief von Stefan Meißner:

Erst einmal Kompliment an Martin Pirch für die neuinterpretierte "Internationale". Das einzig traurige daran ist, daß er damit auch noch sooooo recht hat. Auch Matze Koch möchte ich unwidersprochen beipflichten. Als ich vor der Saison von der Verpflichtung Kellers gehört habe, war für mich klar, daß dieser nur als Stammspieler geholt werden soll. Um so überraschender dann die Diskussion um selbige Position, die letztlich in der Entscheidung mündete, einen Spieler zwischen die Pfosten zu schicken, der bereits in der Regionalligasaison vor 4 Jahren sein "Können" unter Beweis gestellt hat und auch in der Schlußphase der letztjährigen Zweitligaspielzeit sein (maximal) Oberligaformat demonstrierte. Ich kenne ihn nicht persönlich, möchte ihm daher auch menschlich nicht zu nahe treten. Äußerungen wie nach dem Spandauspiel kann man vielleicht mit dem auf ihm lastenden Druck erklären. Aber man muß einfach den sportlichen Tatsachen in's Auge schauen und da frage ich mich ernsthaft, warum man nicht beispielsweise den GLASWERK-Keeper Uwe Rottstädt, der ja auch mal im Gespräch war verpflichtete. Als regelmäßiger Besucher der Spiele auf den Wöllnitzer Wiesen kann ich diesem (im Gegensatz zu Weißgärber) jungen Mann noch Regionalligaformat bescheinigen und auch eine große Zukunft. Es ließen sich noch x-weitere Namen nennen, von denen jeder eine Klasse besser wäre als der Mann, der anno 94 nach Fehlgriffen gegen Brandenburg, Türkiyemspor,... Oleg Karawajew vor die Nase gesetzt bekam. Vielleicht sieht man ja auch bei unserem Club so langsam Handlungsbedarf. Ich war nicht in Spandau und natürlich entsetzt über die Ergebnismeldung, aber das einzig positive, was ich dem Spiel abgewinnen konnte war die zu erwartende lange Sperre für unseren Keeper. Eigentlich schockierend, oder?
Zur Gesamtsituation kann ich eigentlich nur meine inzwischen bestätigte Prognose vom Forum Anfang der Saison wiederholen. Wir haben Probleme in der Spielgestaltung, da Hempel überfordert ist - nur gegen Mannschaften, die selber das Spiel machen, sehen wir gut aus. Und ich bin damals wie heute der Meinung, daß lediglich ein Überragender erfahrener Mann im offensiven Kreativbereich, an dem sich unsere Jungen aufbauen können, dem Team immens weiterhelfen könnte. Aber zu so etwas fehlt halt einfach der Mut. Nur mit Küken werden wir aber auch nächstes Jahr nicht viel besser dastehen!

Stefan Meißner, Jena

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