Die Rechtmäßkeit wegen fehlender Einladungen, das Einsetzen einer Abstimmungskommission, eine Frage nach getrenntem Entlasten der Präsidien Schreiber und Beyer - die einleitende Diskussion über Anträge und Formalien deutete schon zu Beginn der Mitgliederversammlung 2010 auf eine lange Veranstaltung hin. Allerdings war es wohl von Vorteil, dass das ganze Hickhack bereits zu diesem frühen Zeitpunkt eine offene Abstimmung mit Auszählung nach sich zog. Wusste doch der eine oder andere Wahlhelfer augenscheinlich erst danach, für welche Tische er eingeteilt war. 35 Minuten vergingen, ehe von Tagesordnungspunkt Null endlich zu Tagesordnungspunkt Eins gewechselt werden konnte.


Traditionell weit vorn im Zeitplan angesetzt ist der Rechenschaftsbericht des amtierenden Präsidenten. Hartmut Beyer stufte das zurückliegende Jahr als eines der Schwersten in der jüngeren Vereinsgeschichte ein. Die DFB-Forderung über den Nachweis einer Sicherung von 947.000 Euro brachte den Verantwortlichen die eine oder andere schlaflose Nacht ein. Ausführlich gestaltete sich deshalb der Dank an alle, die dazu beigetragen haben, dieser Auflage nachkommen zu können. Als Hauptursache dafür, dass der Verein überhaupt in eine solche Schieflage geraten konnte, nannte er das "maßlose Wirtschaften der Spielbetriebs-GmbH insbesondere im Jahr 2008". Mit einem Maßnahmenkatalog, großem Sponsorenengagement und dem Verkauf lebenslanger Dauerkarten habe man das Schiff wieder flott bekommen. Einmalig sei die Aktion des virtuellen Stadions gewesen, die über 82.000 Euro eingebracht hätte. Hinsichtlich der sportlichen Situation zog Beyer ein positives Fazit. Zwar fällt der Abstieg der A-Junioren aus der Bundesliga Nordost diesbezüglich aus dem Rahmen, darüber hinaus gibt es vom Nachwuchsbereich über die Zweite bis zur ersten Mannschaft aber viel Gutes zu berichten. "Es überwiegt der Stolz auf das Geleistete", bewertete der Vereinspräsident das Abschneiden der Drittliga-Mannschaft. 13 Spiele ohne Niederlage in Serie einschließlich begeisternder Derbysiege in fremden Stadien bleiben positiv im Gedächtnis.


Das sahen seine beiden Nachfolger am Rednerpult etwas anders. "Wir dürfen uns nicht so an Platz 5 ergötzen, das hat uns in erster Linie nur Geld gekostet", meinte Aufsichtsrats-Boss Reinhard Töpel. Auch Schatzmeister Lutz Scherf betrachtete dies naturgemäß von der finanziellen Seite her. "Punkteprämien in Höhe von 100.000 Euro, kein Aufstieg, keine Qualifikation zum DFB-Pokal - Platz fünf war der größte anzunehmende Unfall", schlug Scherf in eine andere Kerbe als sein Chef im Vorstand. Vorgestellt wurde zunächst die Jahresbilanz des Vereins. Ein Plus von 35.696 Euro nimmt sich umso positiver aus, wenn dem ein Minus von 51.619 Euro aus dem Vorjahr gegenüber gestellt wird. Entscheidender für das Gesamtergebnis ist aber ohnehin die Bilanz der Spielbetriebs-GmbH. Bei minus 438.457 Euro unterm Strich vergeht auch der größten Frohnatur unter den Mitgliedern das Lachen. Dass das Defizit ein Jahr zuvor mit zirka einer Million Euro noch viel höher lag, kann darüber nicht hinweg trösten. Scherf schilderte die schlechte Ausgangslage für das neue Präsidium bei dessen Amtsantritt im Dezember 2009. Er verteidigte den Verkauf der Rasenheizung "an einen Käufer, der eigentlich nicht kaufen wollte" und kritisierte die hohen Abfindungskosten an ehemalige Trainer und Spieler, welche sich auf eine Viertelmillion summieren. "Wir brauchen dringend eine positive regionale und überregionale Wahrnehmung", beendete der Schatzmeister sein Referat.


In gewohnt volkstümlicher Art und Weise gestaltete der Aufsichtsratschef Dr. Reinhard Töpel seinen Bericht. "Ich will hier nicht belustigen und auch nicht als Kasper auftreten", versuchte er sich zwischendurch selbst zurück zu nehmen - um Sekunden später den nächsten launigen Spruch vom Stapel zu lassen. Nicht jedem sagt diese Art zu. Hinhören lohnt sich trotzdem. Beispielweise als Töpel den Sportdirektor Kurbjuweit in die Pflicht nimmt, "die Kenntnisse, die er aus der Scouting-Arbeit in Nürnberg hat, endlich mal zu nutzen. Gardawski darf keine Eintagsfliege bleiben !"


Im Rahmen der anschließenden Aussprache wurde die Verantwortung für Orlandos verlängerte Sperre ebenso hinterfragt wie das berühmte X im Vertrag mit Stefan Kolb, welches nun ein Gericht zu bewerten hat. Rainer Zipfel musste sich des Vorwurfs von Schein-Spendenquittungen aus den Jahren 2005/2006 erwehren. Der Umgang des Präsdiums mit Sponsoren und das öffentliche Waschen von vermeintlich schmutziger Wäsche auf Mitgliederversammlungen - im Vorjahr hatte es Herrn Wolf von der Stadtbäckerei getroffen, wofür sich Hartmut Beyer diesmal entschuldigte - wurde in einer der darauffolgenden Wortmeldungen kritisiert. Die Stärke des Beifalls für diese Kritik signalisierte mehrheitlich Zustimmung unter den Mitgliedern.


Stichwort mehrheitlich. Keine Mehrheit erhielt diesmal das Präsidium, als es um die Frage der Entlastung des Vorstandes ging. Nur 115 Mitglieder votierten dafür, 130 dagegen, 49 enthielten sich ihrer Stimme. Tom Hilliger, der sich vereinzelt Kritik für den Stil seiner Versammlungsleitung anhören musste, stufte dieses Ergebnis daraufhin als belanglos ein. Und Hartmut Beyer, so war im Nachhinein zu vernehmen, wertet es als Misstrauensvotum gegen das Präsidium seines Vorgängers. Beides ist ganz nicht von der Hand zu weisen. Fragen zu seiner Rolle als Aufsichtsratsmitglied und -chef in dieser Zeit wich Beyer so gut es ging aus. So blieb Bernd Jurke aus der Sponsorenfraktion der Einzige, der an diesem Tag eigene Fehler aus der damaligen Zeit einräumte.


Nach der Entlastung des alten Aufsichtsrates galt es einen neuen zu wählen. Der für die Kandidatenauswahl zuständige Wahlausschuss räumte ein, einige Absagen bekommen zu haben und nominierte der Einfachheit halber deshalb gleich wieder den bisherigen Aufsichtsrat mit Ausnahme von André Schenke, welcher nicht mehr zur Verfügung stand. Die erforderliche einfache Mehrheit von 134 Stimmen erhielten alle Kandidaten. Im Einzelnen gestaltete sich das Abstimmungsergebnis wie folgt:

Dr. Reinhard Töpel 213 Stimmen

Mike Ukena 211 Stimmen

Dr. Hermann Kraft 202 Stimmen

Gerd Brunner 198 Stimmen

Tom Hilliger 164 Stimmen


Auf ihrer konstituierenden Sitzung bestimmten die neugewählten Mitglieder Reinhard Töpel erneut zu ihrem Vorsitzenden und sprachen Präsident Hartmut Beyer weiterhin das Vertrauen aus.


Nach der Neuwahl des Ehrenrates (die bisherigen Mitglieder um Udo Gräfe waren nach atmosphärischen Störungen mit dem Präsidium komplett nicht mehr angetreten) stand für die Mitglieder noch ein letzter wichtiger Tagesordnungspunkt auf dem Programm: Die Abstimmung über die neue Vereinssatzung, welche eine fünfköpfige Kommission in monatelanger Detailarbeit ausgearbeitet hatte. Alle vier Einzelanträge sowie ein Sammelantrag erhielten mit zwei kleineren, von Mitgliedern eingebrachten Modifizierungen eine deutliche Stimm-Mehrheit. Als Versammlungsleiter Hilliger die Anwesenden ins schöne Wochenende entließ, hatten diese rekordverdächtige sechs Stunden und neunzehn Minuten Mitgliederversammlung hinter sich gebracht. <fc>

 

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