Zirka zwei Monate vor der turnusgemäßen Jahreszusammenkunft war eine außerordentliche Mitgliederversammlung einberufen worden, um die Beschlussfähigkeit des Aufsichtsrates wieder herzustellen. Durch die Austritte von Till Noack, Dirk Schöler, Dieter Wolf sowie den Wechsel von Michael Meier in den Vorstand war das höchste Vereinsgremium auf vier Mitglieder zusammengeschrumpft. Da eines von ihnen, Bernd Jurke, am Versammlungstag seinen Posten aus persönlichen Gründen aufgab, galt es vier neue Mitglieder zu wählen.


Vereinspräsident Peter Schreiber versuchte mit dem Satz "Heute sollte nicht meine Person zur Disposition stehen" auch gleich zu Beginn den Fokus auf eben diese Wahl zu lenken. Nach den Meldungen und Ereignissen der letzten Wochen dürfte ihm aber von vornherein klar gewesen sein, dass sich das Präsidium sehr wohl Fragen beispielsweise zum kürzlich bekannt gewordenen Finanzloch im neuen Saisonetat gefallen lassen muss. Da macht es sich gut, wenn am Versammlungstag der Einstieg der Firma Breckle als Premiumpartner mit einem sechsstelligen Betrag verkündet werden kann.
Die Jurke GmbH fungiert vorläufig als Trikotsponsor, hält den Platz aber für Unternehmen frei, die mehr als 150.000 Euro bieten wollen. Eine diesbezügliche Andeutung Frank Schramms (Fa. Clean Service) über vor der Tür stehende und nicht hineingelassene Trikotsponsoren konterte Schreiber geschickt; wenn diese ihr Engagement von Personen abhängig machen, könne ihm niemand weis machen, dass es denen um den Verein geht.


"Ich habe Fehlentscheidungen getroffen und teilweise auch falschen Personen vertraut". - Diese Selbstkritik sowie das Bekenntnis, zwischenzeitlich daran gezweifelt zu haben, dass die Übernahme des Präsidentenamtes die richtige Entscheidung war, baute eine Brücke zwischen dem vielfach in der Kritik stehenden Peter Schreiber und etlichen der 594 Mitglieder im Saal. Sätze wie "Die Gremien des Vereins sind nicht dazu da, käuflich erworben zu werden. In diesem Verein kann man keine Posten kaufen", brachten ihm auch von Skeptikern Applaus ein. Richtig konkret wurde er jedoch erst auf Nachfragen einzelner Mitglieder in der Diskussionsrunde.
Bei der Frage nach der Finanzlage gab der Präsident ein ungeprüftes Defizit von 700.000 Euro an. Damit könne er leben, habe man mit dem hohen Etat der Vorsaison doch bewusst das Risiko der dritten Liga durch baldmöglichen Wiederaufstieg begegnen wollen. Um deutlich zu machen, wofür das in der letzten Saison noch reichlich vorhandene Geld alles verwendet wurde, nannte Schreiber Ausgabeposten vom Nahverkehr bis zu Feuerwehr. Diese sollten allerdings von vornherein kalkuliert gewesen sein und so blieben verminderte Fernsehgelder, verringerte Zuschauereinnahmen sowie Geldstrafen und ein Geisterspiel nach Fanausschreitungen als defizitäre Punkte übrig. Die Verbandsstrafen haben dem Verein mindestens 47.000 Euro gekostet.
Wahrscheinlich erst im September wird die Frage beantwortet werden, was aus eingesparten Geldern wie den Punkteprämien geworden ist und ob die Prozess-Rücklagen aus dem Vorjahr noch existieren.


Vorbereitet war Peter Schreiber auf Fragen nach seiner Personalpolitik. Ja, er hatte öffentlich kundgetan, mit Carsten Linke als Geschäftsführer weiter arbeiten zu wollen. Doch bei Vertragsverhandlungen Mitte Juni erwiesen sich dessen Forderungen als zu hoch. Und als Linke mehrere Planungsstücke mit unterschiedlichen Defiziten vorlegte, sei Schreiber von seinem Vorhaben abgekommen, den zum 30.06.2009 auslaufenden Vertrag mit dem zwischenzeitlich auch als Sportdirektor fungierenden Geschäftsführer zu verlängern. Dass deswegen nun das Arbeitsgericht bemüht wird, hält Schreiber für befremdlich.
In der Trainerfrage sei der Vorstand einstimmig zur Entscheidung gelangt, mit Marc Fascher nicht weiterarbeiten zu wollen, auch wenn dieser das Saisonziel erreicht hätte, so Schreiber. Bei der Prüfung von vier Nachfolge-Kandidaten hätte sich van Eck wiederholt empfohlen und -Zitat- "bei der finanziellen Situation des Vereins war die nochmalige Verpflichtung von René van Eck ein positiver Nebeneffekt." Die Trennung von Marc Fascher auch bei Nichtabstieg sei nach Schreibers Auskunft mit einem Passus im Vertrag geregelt gewesen, die dafür benötigte mittlere fünfstellige Summe auch im Haushaltsplan enthalten. - Nach dieser Information drängte sich so manchem Zuhörer wieder mal die Frage auf, ob Fascher nicht von vornherein nur als Feuermann vorgesehen war. War es dann doch kein Zufall, dass René van Eck nach seiner Beurlaubung Jena nicht wirklich verlassen hatte ? Wusste er da schon von seiner bevorstehenden Rückkehr ?


Für unfreiwllige Erheiterung und auch Unverständnis sorgte die Rede des Ehrenratsvorsitzenden Udo Gräfe, der einen respektvolleren Umgang mit dem Thüringer Erzrivalen anmahnte. Der als Versammlungsleiter fungierende Peter Schreiber brach diese Rede vorzeitig ab. Es gab auch Gewinner an diesem Abend. Carsten Nulle zum Beispiel, der als Kapitän die gesamte Mannschaft in die Pflicht nahm und als Reaktion auf das zuvor Vernommene mit "Die wahre Hauptstadt Thüringens ist Jena" Begeisterungsstürme auslöste. Auf der Sonnenseite stand auch der nach Jena zurück gekehrte Heiko Weber. "Ich bin gern sportlicher Leiter und bereit, diesen Weg mit zu gehen. Mit René van Eck zu arbeiten macht sehr viel Spaß", verkündete Weber und strahlte Optimismus aus: "Das kriegen wir alles hin." Mit seiner Aussage, in Jena niemals wieder als Trainer zu arbeiten, trat Weber all jenen entgegen, die in ihm eine schnelle Nachfolgelösung bei einem Scheitern van Ecks sehen.


Eindeutig auf der Gewinnerseite stand diesmal auch der Wahlausschuss. Nicht nur, dass er nach vielen Pleiten endlich mal eine funktionierende Wahlprozedur ersonnen hatte. Er bot den Mitgliedern trotz kurzfristiger Absagen auch vier Kandidaten für den Aufsichtsrat an, die allesamt eine sichere Mehrheit fanden. Bei 580 Wählern votierten 517 auf Dr. Hermann Kraft, 512 auf Tom Hilliger, 463 auf Mike Ukena und 455 auf Andre Schenke. Bereits 291 Stimmen hätten zum Einzug ins höchste Vereinsgremium gereicht. Gemeinsam mit den drei verbliebenen Herren sollte das Quartett bis zur nächsten Wahl 2010 dafür Sorge tragen, dass künftig niemand mehr im Verein Geld anfasst und hinterher keiner weiß, wofür es eigentlich verwendet wurde. <fc>

 

Saisonrückblick

Impressum




Offizielle Homepage des FCC MW-Verlag Webdesign