Die Veranstaltung am Abend des 2. September begann mit dreißigminütiger Verspätung. Offensichtlich überrrascht vom großen Interesse an der diesjährigen Mitgliederversammlung mussten die Organisatoren in der Carl Zeiss-Mensa zusätzliche Sitzgelegenheiten organisieren. Am Eingang und dem Verpflegungsschalter bildeten sich Schlangen. "So wie das im Verein derzeit läuft, so ist die Organisation hier. So was gabs bei Zipfel nicht", formulierte ein langjähriger Fan die erste Negativkritik, noch ehe die MV begonnen hatte. Letztendlich fand aber jeder der 614 Anwesenden einen Platz.


Abgesehen von einigen Formularien ist der Bericht des Präsidenten traditionell der erste Tagungsordnungspunkt. Peter Schreiber (44) stellte dabei gleich zu Beginn klar, ihm käme es darauf an, dass das Bild der Zerissenheit innerhalb des Vereins ein Ende habe. Aus diesem Grunde sei er mit Einstimmigkeit zum neuen Vorstandschef berufen worden. Beim Dank an die 142 Sponsoren (trotz Abstiegs nur 2 weniger als im Vorjahr !) würdigte er insbesondere das Engagement des Hauptsponsors und dessen Vorgängers. Die erste Mannschaft, mit 5 von 15 möglichen Punkten wenig ruhmreich in die Saison gestartet, wurde von ihm zunächst mit Milde bedacht. Geduld müsse man haben mit der jüngsten Mannschaft in dieser Liga nach den Bundesligareserven - einem Team, welches nicht zufällig vielfach seine Wurzeln im Paradies hat, mit dem man sich gut identifizieren kann. Erst im Laufe des Abends wurde Schreiber deutlicher an die Adresse von Trainer und Mannschaft: "Jetzt müssen die Punkte her, sonst werden wir die Maßnahmen treffen, die notwendig sind." Den Trainerlehrgang, durch den Henning Bürger an vier Tagen in der Woche fernab der Mannschaft in Köln weilt, verteidigte der Präsident als Bedingung für die Lizenzierung. Ausführlich würdigte er die Arbeit des Supporters Clubs (mit 830 Mitgliedern die größte Abteilung im Verein) und des Fanprojekts. Peter Schreiber kündigte die Bildung einer Satzungskommission zur völligen Überarbeitung der Satzung mit Blick auf die GmbH an sowie eine Arbeitsgruppe für den Stadionneubau.


Schatzmeister Gerald Endlich erhielt viel Beifall nach der Bekanntgabe eines Gesamtergebnisses von plus 2,236 Millionen Euro. Umgehend fügte er aber hinzu, dass diese Summe durch die 2,3 Mio. Euro Beteiligungen an der GmbH zusammenkäme. Diesen außergewöhnlichen Posten ausgeklammert, stehe ein Minus von 64.000 Euro zu Buche, was aber als unkritisch angesehen werden kann.


Das einzig Hervorhebenswerte am Bericht des Aufsichtsratsvorsitzenden war die Entschuldigung Dirk Schölers für die Beteiligung an Diffamierungen durch ein Mitglied des Aufsichtsrates. Auf beharrliches Nachfragen eines Sponsoren machte er namentlich Bernd Jurke dafür verantwortlich. Ansonsten hinterließ Schöler keinen überzeugenden Eindruck. Bei seiner Aussage, beim Satzungsparagraphen, wonach Präsidiumsmitglieder mindestens sechs Monate dem Verein angehören müssen bevor sie in den Vorstand wechseln, handele es sich um eine Kann-Bestimmung, meinte man gar sich verhört zu haben.


Der Tagungsordnungspunkt "Aussprache" war im vollen Gange und brachte mit vielen Emotionen die Querelen der zurückliegenden Monate noch einmal gebündelt ans Tageslicht. Es wurde deutlich, dass die Gräben in der Zeit nach Pfingsten keinen Deut weniger tief waren als befürchtet und ein Stück weit heute noch sind. Größe zeigte diesbezüglich der ehemalige Präsident Rainer Zipfel. Anstelle der teils befürchteten, teils erhofften Generalabrechnung schlug er ein Gespräch des alten und neuen Präsidiums vor, um noch bestehende Unstimmigkeiten zu klären und die Grabenkämpfe danach ein für alle Mal zu beenden. So weit ist sein ehemaliger Vize Peter Voß noch nicht. Dessen Vorwürfe, Schreiber hätte ihn mit den Worten "ich kann, will und werde mit dir nicht zusammenarbeiten" aus dem Vorstand gedrängt, nur weil er für einen konsequenten Neuanfang plädiert hätte, brachten Peter Schreiber einen Moment lang aus der Fassung. Die präsidialen Worte an die Mitglieder "Wenn Sie es wünschen, dann ziehe ich heute die Reißlinie und werde die Konsequenzen ziehen", waren aber nicht wirklich als ernstgemeintes Rücktrittsangebot zu werten. Schreiber unterstellte Voß gezielte Zurückhaltung von Informationen und wolle "aus Rücksicht" keine weiteren Details nennen. Ebenfalls in Andeutungen erging sich der Präsident über eine "Klage im eigenen Hause, bei der man nicht sicher sei, dass man den Prozess gewinnen werde". Umfassend begründete er hingegen die Doppelfunktion Carsten Linkes als sportlicher Leiter und Geschäftsführer der Spielbetriebs-GmbH.


Eine überschaubare Mehrheit bildete sich beim Tagungsordnungspunkt "Entlastung des Präsidiums". Bei der Frage nach der Entlastung des Aufsichtsrates musste hingegen gezählt werden. Diese Auszählung geriet vom Ablauf her zu einer ähnlichen Farce wie im Vorjahr die Abstimmung über die Ausgliederung der GmbH. Erst sollten die Mitglieder lange ihre Stimmkärtchen heben, dann abgeben, dann doch lieber wieder heben, weil ansonsten die Gefahr bestünde, "dass die Einsender der Ja-Karten auch ihre Nein-Karten einwerfen". Als wenn eine doppelte Stimmabgabe per Handzeichen ausgeschlossen wäre... Irgendwie müssen sich die Organisatoren vor der nächsten MV mal etwas einfallen lassen, damit diese unprofessionell durchgeführten Wahl-Prozeduren nicht zum alljährlichen Dauerzustand werden.


Zwei Gewinner des Abends sollen nicht unerwähnt bleiben. Da wäre zum einen Till Noack, mit dem in diesem Jahr endlich einmal ein souveräner Versammlungsleiter gefunden worden war. Und Uwe Dern, dessen Auftritt bei der Vorstellungsrunde zum fünfköpfigen Wahlausschuss schon mit maximalem Beifall bedacht wurde, bevor er auch nur ein einziges Wort von sich gegeben hatte. Folgerichtig erhielt der Mannschaftsleiter dann auch die meisten Stimmen bei einer Wahl mit folgendem Ergebnis:

Uwe Dern 396 Stimmen

Uwe Barth 326 Stimmen

Christa Jatho 304 Stimmen

Thomas Petzold 275 Stimmen

Ulrike Baier 236 Stimmen

Frank Schramm 230 Stimmen (die nicht zur Wahl genügten)


Kurz vor Ende des vierstündigen Veranstaltungsmarathons trat der Kapitän der ersten Mannschaft ans Mikrofon. Niels Hansen soll auch hier das Schlusszitat vorbehalten bleiben: "Wir können Ihren Frust nachvollziehen. Ich denke, dass wir die Erfolge, die Sie und wir sehen wollen, in naher Zukunft einfahren werden". Die Mitglieder des FC Carl Zeiss Jena werden ihn beim Wort nehmen. <fc>

 

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