Mittwochabend im Geschäftsgebäude der Stadtwerke Jena-Pößneck GmbH. Der Hauptsponsor des FC Carl Zeiss JENA hatte vor dem Hintergrund der aktuellen Situation zu einer Diskussionsrunde eingeladen.

Standesgemäß bekam zunächst Vereinspräsident Dr. Schmidt-Röh das Wort erteilt. Als bei dessen Monolog nach sieben Minuten noch kein Ende in Sicht war, unterbrach ihn Moderator Till Noack, Geschäftsführer der Stadtwerke und wusste dabei die meisten Anwesenden hinter sich. Schließlich war es Ziel dieses Abends, möglichst viele Personen zu Wort kommen zu lassen. Eine fraktionsartige Anordnung der zirka 80 Plätze sorgte mit dafür, dass die Statements auf die unterschiedlichen Bereiche - von Sponsoren bis Fans - gleichmäßig verteilt wurden. Till Noack hielt seine Linie über drei Stunden konsequent durch und erwies sich somit nicht nur als guter Gastgeber, sondern auch als souveräner Gesprächsleiter.

Gleich zu Beginn wurde die Entlassung Dejan Raickovics diskutiert. Fanvertreter Traudel vom Fanclub Lokalmatadore fragte nach den Gründen für die Trennung und ob man es sich angesichts der prekären Tabellensituation leisten könne, auf einen zweitligaerfahrenen Akteur wie Raickovic zu verzichten. Nicht alle Gründe, die zur Trennung geführt hatten, durften als Antwort im Detail genannt werden, da die Sache wohl auf juristischer Ebene weiter geführt wird. Immerhin räumte man seitens des FCC in einem Anflug von selten gewordener Selbstkritik ein, dass die ursprüngliche offizielle Begründung 'Meinungsverschiedenheiten' nicht eben glücklich gewählt war. Es sei unter anderem die mangelhaft ausgeführte Führungsrolle als Mannschaftskapitän und eine unprofessionelle Einstellung insgesamt (Stichwort 'früh um fünf an der Tankstelle'), die so nicht mehr akzeptabel erschien. Der als Co-Trainer zurückgekehrte Thomas Vogel berichtete, dass ihm einige Spieler mitgeteilt hätten, die gesamte Mannschaft wäre mit der Einstellung ihres Kapitäns unzufrieden. Darüber hätte er seinen Chef in Kenntnis gesetzt. Petrovic und Vogel bezeichneten Dejan Raickovic unisono als "menschliche Enttäuschung."

Als zweites Thema war das Verhältnis von Fans, Trainer und Verein auf die Tagesordnung gesetzt worden. Dieses war unter anderem durch Äußerungen Slavko Petrovics nach dem letzten Heimspiel belastet worden. Der Cheftrainer räumte ein, damals nicht die richtigen Worte gefunden zu haben: "Ich habe mit meiner Kritik alle gemeint und das war mein größter Fehler. Ich entschuldige mich bei den Fans, die uns gegen Bayern Münchens Amateure unterstützt haben." - Ein Fanbeauftragter soll künftig als Bindeglied zwischen Verein und Fanprojekt den Kontakt zu den Fans intensivieren, wurde seitens des Präsidiums angekündigt.

Es liegt in der Natur der Sache, dass zum Thema "sportliche Situation" die Wogen am höchsten schlugen. Zunächst wurden mangelnde sportliche Kompetenz im Präsidium sowie fehlende Selbstkritik bei Trainer und Vorstand kritisiert. Dann meldete sich Harald Irmscher zu Wort, der beinahe selbst Trainer des FC Carl Zeiss geworden wäre, hatte man ihm doch als erstes Gerstners Nachfolge angeboten: "Mir tut es weh, wie dieser Verein herabgewirtschaftet wurde und in die 4. Liga hinab dümpelt. Der Trainer hat seine Chance gehabt. Von einem modernen Konzept sehe ich aber noch immer nichts. Stattdessen nur mangelnde Fitness und Disziplinlosigkeiten." - Einige wenige mögen ihm dieses Statement als Populismus ausgelegt haben. Dass Irmscher aber der breiten Masse der Anwesenden aus dem Herzen sprach, bewies der stärkste Beifall der gesamten Veranstaltung. Felix (FCC-Forumslesern bestens bekannt) bescheinigte dem Spieler aus Jenas Tradionsmannschaft, er sei der Erste gewesen, der Tacheles geredet hätte und versuchte es ihm sogleich nachzutun, indem er an Trainer und Präsidium gewand meinte: "Ich frage mich, wie Sie noch mit diesem Selbstvertrauen auftreten können. Noch nie stand der Verein so schlecht da. Es sind Hoffnungen geweckt, Durchhalteparolen ausgegeben, Leistungen beschönigt worden. Wie viele Kontrahenten einschließlich unseres Erzrivalen RWE haben den Trainer entlassen und sich danach verbessert. Eigentlich müssten Sie auf einer außerordentlichen Mitgliederversammlung die Vertrauensfrage stellen."
Als Vertreter des Sponsorenpools meldeten sich zu diesem Thema Herr Gerlach ("Ich vermisse jegliche Vorwärtsbewegung im technischen und taktischen Bereich") sowie Herr Hilliger zu Wort: "Was mir fehlt ist, dass der Trainer sich hinstellt und sagt, was in den noch verbleibenden Spielen anders gemacht werden soll als in der ganzen bisherigen Saison." - Tatsächlich klangen Sätze Slavko Petrovics wie die folgenden eher nach Stoßgebet als nach Konzept: "Wir glauben immer noch, dass wir uns retten können. Wir brauchen keine neun Siege, sechs reichen." - Breite Zustimmung erntete FC-Fan Uwe Kaiser mit seiner Meinung zur Trainerfrage: "Wenn wir absteigen, mache ich dem Präsidium den Vorwurf, nicht alle Mittel ausgeschöpft zu haben, um den Abstieg in die 4. Liga zu verhindern."

Wollte man auch auf die weiteren Themen dieses Abends detailliert eingehen, würde das den Rahmen dieses Beitrages sprengen. Dieses und jenes wird an anderer Stelle auftauchen. Zumindest erwähnt seien aber noch folgende Dinge: Die Trennung von Stadionsprecher Uli Klemm scheint endgültig, da dieser auf ein u.a. im Internet geäußertes Gesprächsangebot des Präsidenten nicht eingegangen ist. Mängel in der Öffentlichkeitsarbeit (Pressesprecher!) wurden ebenso angesprochen wie ungenügende Aufgabenverteilung in der Zusammenarbeit mit Sponsoren. Geschäftsführer Patzer musste eingestehen, dass durch die bisherige Zusammenarbeit mit der Sportwelt noch keine Verträge in größerem Stil zustande gekommen seien. Schatzmeister Saelzer rechnete vor, dass das Darlehen der Kinowelt (6,9 Mio.) zum Saisonende etwa zur Hälfte aufgebraucht sein wird.

Ob sich der eine oder andere mehr von der Veranstaltung versprochen hatte ? Ich denke, viel mehr durfte man nicht erwarten. Wie sagte doch FCC-Fan Enrico (besser bekannt als 'Gysi') an jenem Abend ? Unabhängig von persönlichen Befindlichkeiten sollten Fans, Sponsoren, ehemalige Spieler und jetzige Verantwortliche im Verein wieder an einem Strang ziehen. Vielleicht war das Rundtisch-Gespräch bei den Stadtwerken ein erster Schritt dazu. Nur gemeinsam, wenn überhaupt, ist der freie Fall noch aufzuhalten. <fc>
Fotos auf der Homepage von Jens Weißenburger

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