Dienstagabend in der Betriebsgaststätte von Carl Zeiss. Das Präsidium hatte zur außerdordentlichen Mitgliederversammlung eingeladen, in der eine kritische Auswertung der abgeschlossenen Saison und ein Ausblick auf die nächste Spielzeit erfolgen sollte. 234 Vereinsmitglieder waren erschienen.

Präsident Dr. Schmidt-Röh erhielt dann auch ohne lange Vorrede das Wort und zog Bilanz: Über die indiskutable sportliche Bilanz und die (wörtlich) "teilweise verfehlten Ziele des Präsidiums", was unter anderem auf eine zeitlich hohe Beanspruchung der ehrenamtlichen Mitglieder zurück zu führen sei. Konkret und ausführlich wie selten zuvor wurde Bezug genommen auf den Zick-Zack-Kurs im Fall Petrovic. Nach dem Vertrag bis Saisonende 1999/2000 (Grundgehalt 10.000 DM + PKW + Wohnung) schloss man mit Slavko Petrovic vor dieser Saison einen um 2.000 DM aufgestockten Kontrakt für zwei Jahre mit dreimonatiger Kündigungsfrist ab. Die Vorschläge zur Verpflichtung neuer Spieler seien ausschließlich vom Trainer gekommen, unter dem Eindruck der Volltreffer aus der Anfangszeit hätte das Präsidium vorbehaltlos zugestimmt. In Krisensitzung Nummer eins von Präsidium und Aufsichtsrat am 11. Dezember erhielt der Trainer übereinstimmend das Vertrauen ausgesprochen und freie Hand für weitere Spielerverpflichtungen. Im Anschluss an das schwache Spiel in Erfurt setzten erneut die Diskussionen ein, doch nach der als Schicksalsspiel apostrophierten Partie gegen Bayerns Amateure blieb alles beim Alten, weil bis auf Uwe Schenderlein alle für Petrovic votierten und mit Till Noack eine mögliche zweite Gegenstimme nicht anwesend war. Hinzu kam, dass man von möglichen Nachfolgekandidaten wie Christoph Franke und Rene Müller eine Absage erhielt, Jörg Berger sich nicht leisten konnte, Jürgen Raab die nötige Lobby fehlte und Norbert Meier eine vertragliche Bindung in M'Gladbach besaß. So klammerte man sich an diverse Strohhälme wie die reaktivierten Thomas Vogel und Stefan Treitl - und ging unter. Zur Posse geriet die Geschichte, als Petrovic vom Vorstand der Rücktritt nahegelegt wurde, der Trainer aber ablehnte und sich Aufsichtsrat und Präsidium an ihren Sitzungsbeschluss derart gebunden fühlten, dass sie Petrovic lediglich eine fristgemäße Kündigung aussprachen. Dies, obwohl bei Petrovic das eigentliche Ziel, mit der Mannschaft den Klassenerhalt zu schaffen, längst in den Hintergrund gerückt war und zudem der Verdacht bestand, er hätte sich "an den Protesten der Jenaer Mannschaft beteiligt und diese selbst initiiert." (SR)
Rückblickend selbstkritisch äußerte sich Dr. Schmidt-Röh über den bis heute unbeantworteten Beschwerdebrief an den Süddeutschen Fußballverband, der für viel Wirbel aber nicht die Lösung des Problems sorgte und über die Zusammenarbeit mit den Medien: "Leider ist es uns nicht gelungen, eine Vielzahl von Gerüchten zu unterbinden", räumte Schmidt-Röh ein. "Es wurde nicht in erforderlichem Maße zeitnah informiert." - So manchem Zuhörer, so war zu spüren, gingen die selbstkritischen Äußerungen des Präsidenten nicht weit genug.

Nach Ralf Schmidt-Röh war Dirk Saeltzer an der Reihe. Wie es sich für Ausführungen eines Schatzmeisters gehört, wurde die Hörerschaft die folgenden Minuten mit Zahlen zur wirtschaftlichen Situation überhäuft. Interessenten bekommen diese Daten sicherlich von ihm zur Verfügung gestellt, in diesem Beitrag soll lediglich Erwähnung finden, dass von den Sportwelt-Leistungen in Höhe von 10,5 Millionen Mark (3,6 Verkaufserlös für Verkauf der Rechte + 6,9 Darlehen) zum 30.06.01 noch 2,9 Millionen DM zur Verfügung stehen werden. Und dass in dieser Saison die höchsten Aufwendungen in Relation zu den Erträgen innerhalb der letzten sechs Jahre zu registrieren waren. Ein Plus erwirtschaften, da ist Dirk Saeltzer sicher, lässt sich erst ab Liga zwei. Kritik übte der Schatzmeister an Udo Gräfes übers Internet verbreitete Behauptung, Lothar Kurbuweit als Präsident hätte einen schuldenfreien Verein übergeben.

Jenem Udo Gräfe, Vorsitzdender des Ehrenrates, blieb es vorbehalten, den ersten Antrag zur Abstimmung einzubringen. Damit ging es praktisch gleich in die Vollen, beinhaltete der Vorschlag doch, schon aus der nächsten ordentlichen Mitgliederversammlung im September 2001 eine Wahlversammlung zu machen - ein Jahr vor Ablauf der Wahlperiode des Aufsichtsrates. Ob Thüringens Minister und FCC-Aufsichtsratsmitglied Dr. Frank-Michael Pietzsch dies zu weit ging ? Seiner Beteuerung, keiner in den Führungsgremien klebe an seinem Posten, doch alle seien bereit, weiter Verantwortung zu tragen, folgte die Bitte, "nicht aus Emotionen heraus zu entscheiden, was wir heute beschließen." Geändert hat dies nichts, der Antrag wurde von den Mitgliedern mehrheitlich angenommen. Wenn man gesehen hat, wer dagegen stimmte, kann man davon ausgehen, dass die Gruppe der Befürworter vorgezogener Neuwahlen sogar noch größer ist. Denn mancher hätte gerne schon an diesem Abend Personalentscheidungen herbei gerufen, was laut Satzung aber gar nicht möglich war. Wobei man das Stimmergebnis nicht nur als Zeichen allgemeinen Protests interpretieren sollte. Auch die personelle Fluktuation (D. Wolf, U. Schenderlein, C. Fuchs) im höchsten Gremium dürfte eine Hauptrolle gespielt haben.

Gewissenhaft vorbereitet auf diesen Abend hatten sich die "Fans für Jena" - eine 24köpfige Gruppe von FC-Mitgliedern und Unterstützern, die strukturelle und inhaltliche Verbesserungen im Verein anstrebt. Ihr stattgegebener Antrag auf Rechenschaftslegung aller Präsidiumsmitglieder über die geleistete Arbeit im vergangenen Jahr brachte auch Steffen Patzer ans Rednerpult. Emotional hörbar erregt, stellte dieser sein gewaltiges Aufgabengebiet vor, beklagte die instabile Region und die instabile Solidarität zum Verein, sprach vom Versagen der Mannschaft und des Präsidiums und warb um Unterstützung: "Wir brauchen Leute im Ehrenamt, weil wir uns das Hauptamt zunehmend nicht mehr leisten können." Fragezeichen warf seine eigentlich nebensächliche, aber fehlerhafte Darstellung der Rolle Harald Irmschers bei der Trainerfindung auf. Weitere Personen meldeten sich nach und nach zu Wort. Frank Heuer vom Sponsorenpool ("Das was die Fans getan haben ist Klasse, jetzt müssen Aktivitäten von anderer Seite folgen") warb um Kooperation zwischen den verschiedenen Gruppen im Verein. Peter Ducke nahm sich vor, "ein paar Leute auf zu wecken" und Fachkompetenz einzubringen. Bei Uwe Szangolies bekamen auch einmal die Spieler ihr Fett weg: "Ich habe vermisst, dass sie sich auf dem Platz zerrissen haben."
Den Antrag auf einen hauptamtlichen Sportdirektor zogen die "Fans für Jena" zurück, brachten dafür den Vorschlag auf Einsetzung eines Pressesprechers zur Verbesserung der Öffentlichkeitspräsentation überzeugend durch. Obwohl dieser Vorschlag vom Moderator der Veranstaltung erst nach mehrmaliger Aufforderung zur Abstimmung gebracht wurde. - Herr Jäschke entsprach sicher nicht dem Bild, dass man sich von einem Versammlungsleiter malt und welches man bei Veranstaltungen des FCC auch schon erlebt hatte. Zögerlich in seiner Art, vertat er sich speziell bei Abstimmungen ein ums andere Mal. Da wurden Teile eines Antrages einfach ausgeklammert, was erst das Veto des jeweiligen Antragstellers wieder korrigierte. Besonders negativ fiel auf, dass Hans-Jürgen Jäschke unmittelbar vor Abstimmungen persönliche Empfehlungen für das Stimmverhalten aussprach - ein Unding bei der Anwendung demokratischer Spielregeln !

Kein Zweifel - das Wirken der "Fans für Jena" war ein Gewinn für diese Mitgliederversammlung. Lediglich ihre Frage zur Sportwerbegesellschaft und die damit eingeforderten Ausführungen Steffen Patzers brachten Längen in die Veranstaltung. Diese waren schnell vergessen, als der neue Trainer Wolfgang Sandhowe ans Rednerpult trat. Im Folgenden ein paar Auszüge aus seiner überzeugend dargebrachten Rede: "Ich habe festgestellt, dass ich mich mit den Zielen des Präsidiums identifizieren kann.....Wir haben alle ein gemeinsames Ziel, mit ordentlichem Fußball den Ruf aufzupolieren, wie es sich für diese Traditionsmannschaft gehört...Man muss das Gefühl aufbauen, dass der Gegner ins Jenaer Paradies fährt und dort nichts wird holen können". Sandhowe versprach aggressiven Fussball, informierte über personelle Neuigkeiten die Mannschaft betreffend und begründete die Trennung von zu teuren Spielern wie Michael Mason. "Ich freue mich auf die Arbeit in diesem Traditionsverein" - dieses Bekenntnis nimmt man ihm ohne weiteres ab, zumal all seine Worte mit Bedacht gewählt schienen, schließlich muss sich Sandhowe schon im September an ihnen messen lassen.

Ganz zum Schluss wurde es noch einmal spannend. Die mit einem Antrag eingebrachte Vertrauensfrage sollte klären, ob die Mitglieder ihren Präsidenten Ralf Schmidt-Röh weiterhin in der Verantwortung sehen wollen. Obwohl es sich hierbei um eine völlig unverbindliche Abstimmung handelte, hätte man sich wenigstens dieses eine Mal die Zählung des Abstimmungsergebnisses gewünscht. Doch Herr Jäschke beließ es beim Feststellen der Mehrheit und die votierte für den Präsidenten. Übereinstimmende Schätzungen mehrerer Personen besagen eine Zweidrittelmehrheit.

Eines machte die Mitgliederversammlung im Vergleich zu den vorangegangen deutlich: In diesen Verein ist Bewegung gekommen. Man darf schon heute gespannt sein auf die ordentliche MV im September und die Ereignisse bis dahin. <fc>

Bilder von der AMV, zusammengestellt von Jens Weissenburger
Presseerklärung des Präsidiums

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