Wie oder wie weit kann man Textverstehen durch Testaufgaben erfassen?
Heiner Willenberg, Hamburg

Welche Aufgaben sind im Literatur- und Textunterricht sinnvoll? Das ist ein Frage, die einen bunten Strauß von Möglichkeiten in den Blick rückt, in dem auch kräftige Blätter kreativer und künstlerischer Aktivitäten enthalten sind. Eine solche Fülle wird aber durch die zweite Frage sofort reduziert: Welche dieser Aufgaben könnten wir in größeren Tests benutzen, die einen validen und zugleich reliablen Einblick in das Leseverhalten geben?

Wir konzentrieren uns der Einfachheit halber auf die Lektüre eines einzigen Textes, an den sich weitere Kontexte anschließen könnten, die wiederum Lesen und ein Verstehen verlangen. Das vergleichende Verstehen, wie es die Germanistik und auch das Berufsleben fordern, brauchte noch einmal eine weitere Differenzierung der Perspektive. Bleiben wir also bei einem einzigen Text und fragen uns, welche Phasen des Leseprozesses und des Verstehens die einschlägigen psychologischen Forschungen gefunden haben. Aus der Vielfalt der Vorschläge greife ich fünf heraus, die eine gewisse Abstufung erlauben. Sie bezeichnen zunächst eine Zunahme der Textquantität und der Leseschwierigkeit, aber auch eine Progression der wachsenden eigenen Aktivität.

(1) Semantische Oberfläche mit den dirigierenden Schlüsselwörtern analysieren
(2) Wissensschemata öffnen: Beispiel Textwissen
(3) Emotionale Schemata öffnen
(4) Verknüpfungen in größeren Textpartien herstellen
(5) Zweite Lektüre und eventuell ein anderer Blick auf den Text

(1) Die semantische Oberfläche ist öfters in Sachtexten widerständig als in literarischen. Wir befassen uns damit, wie wir Leser/innen helfen können, Schlüsselwörter in beiden Textsorten zu erkennen.
(2) Der nächste Aspekt ist das Wissen, das sich notwendigerweise beim Lesen öffnen muss. Wir übergehen hier den Aspekt des allgemeinen Weltwissens (das in Lesetests schlecht überprüft werden kann), sondern befassen uns mit dem hilfreichen Textwissen. Was sollte jemand kennen, wenn er/sie einen Text liest, bei dem es auf die Machart ankommt?
(3) Bei einer mittellangen Lektüre werden wir der Emotionen gewahr, die häufig den Zugang zum Thema bestimmen, sei es als Unterstützung, sei es als Barriere.
(4) Lesende sollten bei fortschreitendem Leseprozess ermutigt werden, Textteile miteinander in Bezug zu setzen, die etwas weiter auseinanderliegen. Sie brauchen diese Fertigkeit sowohl, um die Charakteristik literarischer Figuren zusammenzusetzen als auch, um eine Argumentslinie in einem Sachtext zu verfolgen und zu beurteilen.
(5) Und die zweite Lektüre schließlich ist notwendig, um das innere Gerüst des Verstehens zu verfestigen, durch eine weitere Perspektive zu erweitern oder auch um kreative Ergänzungen durch das produktive Schreiben hinzuzufügen.

Als Beispiel nehmen wir uns zwei Texte vor, um zu erkunden, welche Aspekte diese fünf Zugangsweisen öffnen.

Und im letzten Teil sollten wir klären, wie diese Aufgaben für größere Tests geeignet sind, welche der Unterrichtsaktivitäten gut übertragbar sind und wo die Untiefen der offenen Testaufgaben beginnen. Denn so schön es sich ausnimmt, wenn Lesende auch bei größeren Überprüfungen konstruktiv agieren - die Probleme beginnen bei der Auswertung. Dort verlangen sie von den Testkonstrukteuren ein Maximum an Arbeit. Die Offenlegung aller relevanten Deutungsaspekte, die Konzentration der Deutungshinweise auf ein handhabbares Optimum und das intensive Training der Codierer, deren individuelle Sichtweisen, die ihnen in Unterricht und Studium nahegelegt wurden, nun in einem Konsens münden müssen!