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Konstruieren
statt Entdecken - Impulse aus PISA für die Aufgabenkultur 1. Im Kontext der PISA-Aufgaben wird Interpretation als Konstruktionsleistung innerhalb eines gesetzten konkreten Rahmens verstanden. Textverstehen ist folglich als konstruktiver Akt definiert, sodass die Aufgaben vielfach als Anleitung zur Bedeutungskonstruktion in einem vorgegebenen Rahmen dienen. 2. Demgegenüber verbindet die gängige Aufgabenkultur das Textverstehen mit dem Ausweis elaborierter Schreibleistung. 3. Darüber hinaus spielen dort zwei weitere Konstrukte eine Rolle, die in unterschiedlichem Maß akzentuiert werden: Methodenkompetenz und Entdeckerfähigkeit. 4. Mit dem Konzept von Methodenkompetenz verbindet sich ein Interpretationsverständnis, das auf der theoriefreien selbstregulierten Anwendung eines fast ausschließlich formalen Instrumentariums beruht. Hinweise oder Orientierungsvorgaben, die Interpretation zu einer Konstruktionsleistung machen, fehlen. Durch komplexe Aufgaben von hohem Abstraktionsgrad soll die Fähigkeit zur Selbstregulation möglichst umfassend unter Beweis gestellt werden. 5. Hinzu kommt, dass die deutschen Aufgaben insgesamt die datengesteuerte, d.h. aufsteigende Annäherung an Texte privilegieren, weil wissensgesteuerte Strategien als "deduktiv" disqualifiziert sind. Eng damit verknüpft ist der Umstand, dass die deutschen Aufgaben die Textarbeit von niedrigeren Textebenen zu höheren organisieren. Zu prüfen wäre, ob eine Orientierung auf Aufgaben zur "absteigenden Textarbeit" zu befriedigenderen Ergebnissen, das heißt zur verstärkten Ausbildung von "Verknüpfungsfähigkeit" führt - denn in diesem Punkt sind die Defizite deutscher Lerner besonders ausgeprägt. Verknüpfung wird einseitig im anspruchsvollen Bereich des abstrahierenden Schlussfolgerns trainiert, statt die Textinformation auf umfassendere - konzeptgeleitete - Vorgaben zu beziehen. 6. Als weiteres Konstrukt, das die deutschen Textverstehensaufgaben bestimmt, wird Entdeckerfähigkeit erkennbar. Im Umgang mit Texten sollen die Lerner subjektive Zugriffe auf die Texte entwickeln und zu daraus resultierenden individuellen Entdeckungen gelangen. Dahinter steht die - durchaus vertretbare - These, dass die Bedeutungsvielfalt und -fülle für die Lerner zugänglich bleiben und nicht durch konzeptuelle Vorgaben verstellt werden solle. Es sei gerade die Vielfalt der subjektiven Perspektiven, die an den Texten Unterschiedliches zu entdecken erlaube. Dieser im Kontext der Leseförderung sinnvolle Ansatz gerinnt in Leistungssituationen zu Aufgabenformulierungen wie "Analysiere den vorliegenden Text", "Interpretiere das vorliegende Gedicht". Als Begründung für diese ebenso komplexen wie abstrakten Aufgabenformulierungen dient das Postulat, dass hier sowohl Methodenkompetenz als auch Entdeckungsfähigkeit gefordert sind. Was dagegen spricht ist allerdings der wenig überzeugende Outcome. |